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Danial Ilkhanipour, MdHB,
05.03.2021

Wir in Stellingen Diese Sendung war ein Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft

Danial Ilkhanipour, MdHB

Warum die Aussagen im WDR-Talk „Die letzte Instanz“ so gefährlich waren und einen neuen Höhepunkt der Rassismus-Diskussion mit sich bringen.

Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Faschismus ist für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ein wesentlicher Teil unserer parteilichen Grundausrichtung. Dass dieser Kampf tagtäglich neu geführt werden muss, ist angesichts des Jahrestags von Hanau, dem sich zunehmenden Etablieren und Radikalisieren der AfD und anderen rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien in ganz Europa eine Gewissheit, die für unsere politische Arbeit stets Teil des Handelns ist. Wir sagen: „Wehret den Anfängen!“ Und hier stellt sich die Frage, wo genau dieser Anfang ist.

Klar ist, dass die zunehmende Akzeptanz dessen, was alles „unverhohlen gesagt werden darf“ – die Verschiebung der Grenzen nach rechts – die Diffamierung oder zumindest das „nicht ernst nehmen“ von Opfern von Rassismus, die oft eine Sekundärviktimisierung der Betroffenen mit sich bringen, die Grundlage für weiteren Hass und eine Spaltung unserer Gesellschaft liefern.

Die erneute Ausstrahlung der WDR-Talkrunde „Die letzte Instanz“ vor wenigen Wochen, empfand ich (und dem Aufschrei nach viele andere auch) als einen erneuten negativen Höhepunkt in dieser Entwicklung. Einen Höhepunkt, der in seinen Folgen und der inhärenten Gefährlichkeit unterschätzt wird.

In dieser Sendung in der der Moderator Steffen Hallaschka mit vier „weißen“ Gästen – von denen keiner über eine eigene Migrationsgeschichte verfügt – über gesellschaftliche Themen diskutierte, kam das Thema rassistischer Sprachgebrauch auf. Der Tenor der Talk-Runde ist dabei exemplarisch an der Frage „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ festzumachen, wogegen die Gäste geschlossen stimmten. Daraufhin folgten Aussagen, die aus der rechtspopulistischen Ecke bekannt sind und die sich widerspruchslos in dieser verorten lassen können. Doch genau hier liegt das Problem. Die Gäste der Talk-Runde sind allesamt Prominente gewesen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen und sich gerne selbst in dieser darstellen. Es besteht leider immer noch kein Konsens darüber, dass Alltagsrassismus ein großes gesellschaftliches Problem ist – wie auch? Die Betroffenen bekommen dabei in der Regel keine Stimme. Wenn man über Rassismus in unserer Gesellschaft reden möchte, dann doch mit den Menschen, denen Rassismus widerfährt, und nicht über sie.

Diesen Vorwurf muss sich der WDR machen lassen. Zunächst, dass das Thema „Sichtbarkeit“ grundsätzlich bei einem nicht unwesentlichen Anteil unserer Bevölkerung noch immer zu wünschen übrig lässt. Erst recht aber bei einem solchem Thema, bei welchem durch die Gästeauswahl zugelassen wurde, das Unbetroffene wieder „richten“ und die Grenzen bestimmen.

Eine weitere Gefahr sehe ich darin, wenn ich mir anschaue, von wem diese Äußerungen gemacht wurden. Es waren eben nicht „die üblichen Rassisten“ von denen bestimmte Sprachakte erwartet werden.

„Es waren Personen des öffentlichen Lebens, Frauen und Männer die eigentlich Verbündete im Kampf gegen Rassismus sein sollten.“
Danial Ilkahnipour

Es waren Personen des öffentlichen Lebens, Frauen und Männer die eigentlich Verbündete im Kampf gegen Rassismus sein sollten. Es waren vielleicht sogar unsere Helden aus der Jugend. Wenn sich eben diese Personen, über die tagtäglichen Nadelstiche des Alltagsrassismus lustig machen, diese gar relativeren, dann tut das besonders weh und hat eine dramatische Außenwirkung.

Im Übrigen zeigt der naive und empathielose Umgang mit dem Thema Alltagsrassismus, dass wir in dieser Debatte noch ganz am Anfang stehen. Es gibt eben nicht nur Rassisten und nicht Rassisten. Auch jemand ohne eine böse Intention, der sich für aufgeklärt und tolerant hält, verhält sich mitunter rassistisch. Das gilt für jeden Einzelnen von uns. Regelmäßiges Hinterfragen und sich selbst zu reflektieren und vor allem mit Betroffenen im offenen Dialog zu treten – sind eine Grundvoraussetzung für eine Gesellschaft, die von ihrer Vielfalt lebt.

Umgekehrt müssen wir BIPoCs (Black, Indigenous, People of Color) auch differenzieren und nicht jeden, der sich aus Unwissenheit oder mangelnder Empathie äußert „aufgeben“ und in die „rechte Ecke“ stellen. Auch hier sind Dialog und Aufklärung die Schlüssel. Hier stellt sich allerdings wiederum das Problem der Sichtbarkeit und des Platzes am Tisch, dass der WDR, aber eben nicht nur dieser, bisher verwehrt hat. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass sich die destruktiven Kräfte von rechts, dies missbrauchen und die Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben und sich der Streit hochschaukelt.

„Kurzum: Diese Sendung könnte wieder einmal Grenzen nach rechts geschoben haben.“
Danial Ilkhanipour

Kurzum: Diese Sendung könnte wieder einmal Grenzen nach rechts geschoben haben. Eben weil die Debatte nicht von den „üblichen Verdächtigen“ Rassisten geführt wurde, sondern eben von denjenigen die wir „mögen und seit Jahren kennen“. – Das macht die Sendung so gefährlich und verletzt mehr als so manche Äußerungen der AfD.

Wenn man dem WDR-Talk dennoch etwas Gutes abgewinnen möchte: Dann, dass es jetzt hoffentlich endlich mal eine richtige Debatte über Alltagsrassismus geben wird – hoffentlich aber auch in unserem privaten Alltag- und zwar mit den Betroffenen und nicht über sie. – Hierfür werden wir aber unseren Beitrag leisten müssen!

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